Die 55-jährige Erwachsenenbildnerin und Pflegefachfrau Regula Wirth aus Gossau (SG) war bereits zwei Mal für den Senior Experts Corps in Nepal. Der erste Einsatz fand in einer Pflegerinnenschule statt, wo sie vor allem den Unterricht in Bezug auf Pflege und Ernährung von Neugeborenen unterstützte und spezifische Frauenfragen beantwortete; beim zweiten Mal reorganisierte sie alle Pflegeabteilungen eines Spitals – oder versuchte es zumindest.
Frau Wirth, wie wurden Sie an ihren Einsatzorten in Nepal aufgenommen?
In der Schule wurde ich sehr gut aufgenommen, im Spital hingegen begegnete ich zum Teil einer gewissen Abwehrhaltung. Vor allem Pflegefachfrauen, die dort schon länger arbeiten, oder auch gewisse Ärzte liessen sich nicht einfach etwas von mir sagen.
Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich habe versucht, sie durch einfache Massnahmen zu überzeugen. Zum Beispiel hatte ein Arzt verordnet, dass ein Baby mit Lungenentzündung nichts essen dürfe. Natürlich hat das Baby stundenlang vor Hunger geweint, was für die Lungenentzündung nicht gerade förderlich war. Ich konnte ihn davon überzeugen, dass es gut ist, wenn die Mutter ihr Kind stillt. Das Baby hat also getrunken und danach drei Stunden geschlafen. Das war eine bessere Ausgangslage für die Behandlung.
Hat der Arzt das eingesehen?
Hm, direkt kann ich nicht sagen, dass es eine Einsicht gab. Aber vielleicht lassen die Leute dort mein Wissen auch nach meiner Abreise noch einfliessen.
Wie ich Ihrem Abschlussbericht für das Senior Expert Corps entnehme, haben Sie in nur sechs Wochen ganz schön viel von Ihrem Wissen in diesem Spital gelassen…
Ja, das habe ich zumindest versucht. Am Anfang habe ich jede Abteilung einen Tag lang besucht und danach in einem Bericht meinen Standpunkt erklärt. Zum Beispiel kannten sie die Patientenzuteilung nicht, d.h. in einem Raum mit etwa 80 Patienten und sieben Pflegefachfrauen pro Schicht haben sich alle um alle gekümmert. Ich habe unsere Arbeitsweise erklärt, bei der sich eine Pflegefachfrau um ihre 8 bis 10 Patienten kümmert. Diese Einzelbetreuung erhöht einfach die Qualität der Pflege.
Sind Sie mit Ihrem Vorschlag durchgekommen?
Also die Leiterin der Intensiv- und der Aufwachstation hat das übernommen und führt das weiter, da bin ich mir sicher. Die anderen Abteilungen arbeiten vielleicht mit meinen Ordnern. Ich habe nämlich für jede Abteilung eine Art Pflichtenheft gemacht, rund 100 Seiten mit vielen Hinweisen. Besonders die Hygiene war mir ein Anliegen, das ist nämlich eine Katastrophe! Ich habe ihnen wirklich gezeigt, wie ein Nachttisch geputzt werden muss, damit sich ein neuer Patient nicht mit den Keimen des Vorgängers ansteckt…
Haben Sie für sich auch etwas gelernt?
Berufsspezifisch nicht, aber mich hat das Wochenbett interessiert und es ist tatsächlich so, dass alle stillen und dass sofort mit der Babymassage begonnen wird. Oft massiert sogar die Schwiegermutter. Das ist etwas sehr Gutes, aber in der Schweiz wäre das nicht möglich. Oder etwas, das ich „nepalesische Lösungsansätze“ nenne. Jemand hat ein Baby im Spital abgegeben, weil die Mutter es nicht mehr wollte. Eine kinderlose Familie hat es dort gesehen und sofort adoptiert. Zufälligerweise waren sie einige Tage später mit diesem Baby wieder im Spital und haben sich so rührend um das Kind gekümmert! Eine glückliche Lösung für alle Beteiligten, die hier in dieser Form natürlich undenkbar wäre.
Was ist Ihr Fazit nach diesen zwei Einsätzen?
Ich kann nicht alles verändern, und oft musste ich Kompromisse eingehen, aber wenn ich eine oder zwei Veränderungen dauerhaft eingeführt habe, dann ist das schon gut, dann profitieren wahrscheinlich viele Menschen davon. Und ehrlich gesagt, ich würde schon gerne wieder einmal dorthin reisen und sehen, wie es jetzt läuft.


